13:00 Die wichtigste Frage für so ein Ereignis heißt ja wohl: Was zieht man an? Mit Taktstöcken kann ich mich nicht garnieren, 2000 Euro teure, italienische Designerschuhe sind zu schade für die Füße und Kaschmir ist von gestern. Bevor ich die Antwort zu meinem Kleidungsdilemma finde, klingelt das Handy. Eric der Regisseur ist dran und will wissen was er anziehen soll. Wir einigen uns auf Individuelles. Das passt immer. Jacket, legeres Hemd, dunkle Hose, sportliche Schuhe. Schließlich sind wir in Berlin. Junge, erfolgreiche Kreativlinge brauchen keinen Schlips.
15:30 Ich mische mich ganz unauffällig, mich kennt ja eh keiner, vor die Paparazzis, ins Straßenpublikum und denke: „Über diesen roten Teppich muss ich auch gleich.“ Blitzlichtgewitter. Kameras. Mikrofonwirrwarr. Vor mir steht eine verrückte Frau mit roten Haaren. Posing vor den Reportern. Ein kleines Mädchen neben mir fragt: „Kennste die Frau da? Wer is dat denn?“ Ich erkläre ihr, dass sie gerade einen Klassik-Star vor sich sieht. Eine tolle Frau mit gigantischer Stimme. Etwas enttäuscht geht das kleine Mädchen weiter. Und ich bin ein wenig entsetzt über diese oberflächliche Stargeilheit unserer Kinder. Dabei ist das doch alles so aufregend.
16:00 Mein erster Gang über einen echten roten Teppich. Kein Blitzlicht. Keine Reporter. Für mich interessiert sich hier niemand. Man kann nicht alles haben. So gehe ich ganz allein mit meinen Kollegen die rot beteppichten Treppen hinauf ins Berliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Was für eine Architektur!
16:30 Thomas Gottschalk begrüßt das Publikum. Er reißt eine Schote nach der anderen. Das könnte so weitergehen. „So jetzt zieh ich mal die gute Jacke drüber und dann kanns losgehen.“ Drei Stunden zeichnet das ZDF die Echo-Gala auf. 56 Preisträger sind es insgesammt. Natürlich kommen nur die richtigen VIPs in der Show vor. Mehr als sechs werden es kaum sein. Das erspart uns die tiefsinnige Danksagung vor dem ganzen Publikum. Dabei hatte ich mir tatsächlich wertvolle, intellektuell klingende Worte zurecht gelegt. Wir und die restlichen 49 Echos bekommen eine eigene Show.
21:00 Thomas Gottschalk: „Der Echo in der Kategorie DVD“… Applaus. Ich verstehe kein Wort. Namen sind zu hören…Spuren i…Traces…Eric Schu…, Regisseur. Fra Gerdes Serv TV. Erw Stü Arthaus und der Produ…“ Meint er mich? Ja ich muss jetzt auch auf die Bühne. Ich schnappe mir meinen Fotoapparat und knippse was mein linker Auslösefinger schafft. Gottschalk lächelt in die Kamera, Gottschalk umarmt die Kollegen, die Kollegen halten ihre Echos hoch… What a show. Nur meine Mutter ist wirklich traurig, dass kein Bild mit Tomi und Tommy existiert.
Auf dem einsamen, still dahinfließenden Amazonas kann es laut werden. Vor allem zur Fussballzeit. Der Lärm von vielen kleinen fünf-PS Honda-Einbaumbootaufsteckmotoren surrt auf uns zu. Wie ein Schwarm Hornissen nähert sich die Fussballmannschaft. Hinter Flussbiegungen, zwischen schwimmenden Inseln und unscheinbaren Wassergassen knattern ihre Motoren.Ruhig und gelassen blickt der Häuptling auf die behutsam vorrückende Bootsarmada. Eigentlich müsste er aufgeregt sein – in den Booten sitzen seine Spieler. In einem hockt der Stürmer, im anderen der Torwart und in überfüllten Schiffchen knattern seine Fans geduldig den Amazonas herunter. Ohne Banner, ohne Gegröle, ganz und gar ohne überbordende Siegeslaune. Indianer zeigen keine Emotionen. Ihre Tränensäcke sind bestimmt vor tausend Jahren ausgetrocknet. Stur und gelangweilt treffen sich alle Mannschaftsmitglieder am Sammelpunkt, dem alten, schiefen Stelzenhaus ihres Häuptlings. Es dauert Ewigkeiten bis das letzte Einbaumboot, mit dem letzten Fussballer, am Sammelpunkt ankommt. In geballter Formation schippern alle weiter. Es ist als ziehen sie still und konzentriert in den Fussballkrieg. Eine halbe Stunde Flussabwärts, im Indianerort Caqual, ist alles vorbereitet. Dort will die gegnerische Mannschaft ihr Siegesfestfeiern. Caqualianer fühlen sich wie

Vielen Dank an die Saalfelder-Brauerei. Sie haben u.a. das anschließende Siegerfest unterstützt. Dieses Indianerfest war das schönste, was die Menschen erlebt haben. Zumindest haben das unsere neuen Indianerfreunde später so gesagt. Es gibt hier selten so viel gutes Essen. Schön wenn man helfen kann.
bessere Ureinwohner, die zwar aussehen wie Indios, in Indianerhäusern wohnen, ganz gerne dem Inzest verfallen aber nie und nimmer Indianer genannt werden wollen. Auf alle Fälle wähnen sie den Sieg auf ihrer Seite. Wer wird also gewinnen? Es ist der Kampf des Guaranas. Manschaft Caqual trinkt eisgekühlte, industrielle Guarana-Limonade. Klar sie sind ja auch die Profis. Mannschaft Einbaumboot bringt ihr eigenes, echtes Guarana mit. Kurz vor dem Anpfiff verteilt es der Chef unter seinen Spielern. Auf der einen Seite mit Plastebechern für die „Besseren“. Auf der anderen Seite wird frisches Guarana geraspelt.
Anpfiff. Wären diese Männer in einer deutschen Fussballmannschaft hätten wir nur Weltmeister. Gelenkig wie Schimpansen, schnell wie Jaguare, brutal wie Krokodile kämpfen sie um den Sieg. Es ist ein herrlicher Tanz auf dem Rasen – gewaltig und ästhetisch zugleich.
Am Ende gewinnen die Milben. Kleine rote Milbenkäfer haben einen neuen Wirt gefunden: Das Fernsehteam aus Deutschland und natürlich Axel und Peter. Wir erfahren, dass Caqual bekannt für diese miesen Quälgeister ist und kratzen uns von nun an die Haut vom Leib.

Die Guarana-Frucht. Wenn sie reif ist, sieht sie aus wie ein Auge. Sie soll von einem Indianerjüngling stammen, sagt die Legende.
Einst, vor tausenden Jahren wurde der schönste Inderianerjunge geboren den die Indianerwelt je hervor bachte. Er war wunderbar anzusehen: Er war klug, herzlich und befriedete alles was kriegerisch im Urwald keuchte und fleuchte. Auch Urwaldgeister können neidisch werden. Und so geschah es, dass der Indianer-Geist Jurupari eifersüchtig wurde. Jurupari verwandelte sich in eine hässliche, giftige Schlage und biss den guten Indianerschönling tot. Ein Jammer für alle Indianer. Seine Mutter vergrub die immer noch strahlenden Augen. (Nähere Details sind mir bekannt aber führen jetzt zu weit.) Und so geschah es: An dieser Stelle wuchs eine wundersame Pflanze. Sie sollte den Indianern Freude, Kraft und Klugheit bringen. Guarana war geboren. Und wenn das Guarana nicht gestorben ist, so lebt es noch heute. Tatsächlich. Ohne Guarana beginnt im Amazonasgebiet niemand den Tag. Den Stoff gibt es an jeder Straßenecke, geraspelt als weißes Pulver, oder schwarzbraune Bohnenkerne zum Lutschen und: Das meistverkaufte brasilianische Getränk heißt Antarktika Guarana. Jedes Jahr werden allein im Gebiet um Maués 800 Tonnen Guarana hergestellt. Hinter jedem indiansichen Stelzenhaus sitzen Kinder und Mütter und zutschen an irgend einem Guarana-Kern. Morgen beginnt der große Guarana-Kampf. Original Guarana-Pulver gegen Industirie-Antarkika-Guarana. Wer wird gewinnen? Wir sind dabei.
„Nicht wackeln sonst kentern wir! Einfach in der Mitte sitzen bleiben!“ Es sind klare Anweisungen und dennoch ist das so eine Sache mit dem Gleichgewicht im Einbaumboot. Wann paddelt man in Deutschland an Kujasträuchern und monstergroßen Paranussbäumen vorbei?! Alles Übungssache. Ich möchte mal wissen wie Axel bei seiner ersten Einbaumfahrt über den Amaonas gekippelt ist.
Zur Zeit ist Hochwasser. Zu den Plantagen kommen wir nur mit diesem tiefergelegten Indianerboot, geschnitzt aus einem einzigen Baumstamm. Lurdes(62) paddelt zielstrebig voran. Wir paddeln wackelig hinterher. Sie zeigt uns ihr Anwesen. 9900 Hektar Amazonas-Urwald-Land hat sie von Eberhard geerbt. Ich habe keine Vorstellung wie viel das ist, aber es kommt mir unglaublich viel vor.
Gleich über dem Guarana-Feld, auf der höchsten Stelle, hinter dem Mango-Baum sehen wir einen eingezäunten Erdhügel. Es ist Eberhards Grab. Lurdes Tränen rollen leise über ihre Wangen. Axel und Peters Blicke verharren ungläubig auf dem Grabhügel. Vor ein paar Monaten hatte Eberhard einen Schlaganfall von dem er sich nie wieder erholen konnte. Lurdes erzählt, sie seien genau 30 Jahre und 32 Tage zusammen gewesen. Ganz allein ohne eine Menschenseele um sie herum. Sie haben angebaut was beide im Urwald zum Leben brauchten: Guarana, Citrus, Ananas. Sogar einen Schweinestall hatten sie. Die Tiere sind nach Eberhards Tod verhungert. Ein weißes und ein Schwarzes Rind sind noch am Leben. Sie folgen uns als wären sie die Engel von Eberhard. Axel und Peter erinnern sich: Fast genau 20 Jahre ist es her. Eberhard hatte ihnen dieses Fleckchen Erde, wo heute ein Erdhügel aufgeschüttet ist, schon einmal gezeigt. Damals hat er geschimpft: „Axel du stehst auf meinem Kopf, geh da runter! Hier an dieser Stelle will ich begraben werden. Mit dem Kopf in Richtung Deutschland. Und wenn ihr mich hier besucht, schüttet mir eine Büchse Bier über den Kopf.“ Es wird der letzte Wille sein, den Axel und Peter ihrem Eberhard erfüllen.
Axel stößt einen tiefen, dunklen Ton aus. OOOOOOOHHHAAAAAAA. Noch eine scharfe S-Kurve und wir sind da. OOOOOOHHHAAAAAAA. So brüllt er immer bevor er Eberhards Hütte erreicht, sonst schießt der alte Stranger mit seinem Gewehr wild durch die Äste. Unsere Schnellboot-Motorengeräusche sind meilenweit zu hören und verraten, dass irgendjemand Flussaufwärts fährt. Es könnten Verbrecher sein. Also Vorsicht. Schusslöcher im Boot sind gefährlich. Obwohl – für unseren Film wäre es sicher eine nette Geschichte. Aber wer weiß wie gut Eberhard noch sehen kann und wo er hinzielt. Also lieber brüllen. OOOOHHHAAAAAAA.
Langsam gleiten wir auf Eberhards Haus zu. Es steht auf Stelzen, direkt am River Miriti. Eberhard kommt nicht. Axel brüllt wieder seine Erkennungsmelodie. Jeder Brüllaffe würde sofort sein Revier aufgeben. Eine zierliche Frau rennt um das Haus. Wir ahnen alle, dass irgendetwas nicht stimmt. Auf uns wartet die nächste schlechte Nachricht.
Wir verlassen den Amazonas-River, fahren auf den ersten Nebenkanal. Heute passiert nicht viel. Paddel-Paddel-Tag zwei. Ganz lustig sind am Flussrand diese kleinen schwimmenden Kioske auf Balsa-Holz. Wir kaufen ein. Im Amazonas-Kiosk gibt es alle lebensnotwendigen Dinge für Amazonas-Reisende. Kekse, Fische, Keilriemen, Benzin. Bewacht wird die schwimmende Kaufhalle von drei enorm hochgewachsenen Hunden und der Verkäuferfamilie. Läuft das Geschäft mies, schippern sie weiter und versuchen ihr Handelsglück in der nächsten Flussbiegung.
Bis auf die Kekse scheint alles frisch zu sein. Kekse sind wohl bei 98% Luftfeuchtigkeit niemals knackig-knusprig.
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Seit einem Tag fahren wir in Paddelgeschwindigkeit neben Axel und Peters Gummiboot her. Die Sonne brennt. Dabei hängt ein schickes, rotes Sonnendach über unserem Boot. Es ist vollkommen nutzlos! Im Amazonaswasser werden die Sonnenstrahlen reflektiert. Von unten verbrutzelt allmählich unsere blasse europäische Haut: Ein quasi spiegelverkehrter Sonnenbrand. Wie Axel und Peter das im Gummiboot aushalten ist mir ein Rätsel. Dafür gibt es nur eine gesundheitsschonende Lösung: Ab in den Fluss. Sie halten sich ausdauernd wie klebrige Algen am Boot fest und treiben im Wasser. Stundenlang. Nur so entkommen sie dieser ekelhaften tropischen Mittagsglut. Europäer mögen staunen: An ihnen knabbert weder ein Piranha noch irgend ein anderes Getier. Im Gegenteil: Mit Axel und Peter spielen rote Amazonas-Delphine. Süß! Noch ein Vorurteil mit dem ich aufräumen muss. Die Natur im Amazonas ist scheinbar nicht lebensbedrohlich. Obwohl, ich gebe es zu: Irgendwas gefährliches würde ich jetzt gern erleben. Mir wird’s langweilig.
Am Abend erreichen wir endlich ein kleines Ureinwohnerdorf: Caqal. Auf der Halbinsel leben 200 Halbindios mit ihren vielen Vätern, Müttern, Opas und Omas. Genaue verwandtschaftliche Beziehungen lassen sich in solchen Orten nie genau bestimmen. Die Caqalenser leben abgeschnitten von jeder größeren Stadt. Einmal in zehn Jahren kommen frische Gene zu Besuch. (Lieber Gott ich möchte nicht dazu gehören.) Bis dahin muss der Stamm irgendwie seine Population erhalten. Inzest ist fast normal. Und doch ist der klitzekleine Ort recht modern. Es gibt eine Urwaldschule, eine halb zerfallene Holzkirche und einen großen Fußballplatz. In der Dorfmitte steht eine riesige Satellitenschüssel für Internetempfang. Die hat der Staat Brasilien hier aufgebaut. Nur kann das Internet in Caqal niemand bedienen. Außer dem Dorflehrer hat keiner einen Schlüssel für den Schrank mit dem Computer und dem Flatscreen. Im Hintergrund tuckert der Stromgenerator. Er betreibt drei Glühbirnen, einen Fernseher und den geheimen Internetzugang. Jeden Tag lärmt dieses Agregat – von halb sieben bis um neun. Das sind die Stromzeiten, dann wird es ausgeschaltet – wenn der Diesel überhaupt so lange reicht.
Der Dorfvorsteher Socoro freut sich über unseren Besuch, sagt höflich Boa Noite, Guten Abend. Eigentlich ist er der Häuptlingssohn – aber das darf man hier nicht laut sagen. „Häuptling“ und „Indianer“ sind Puh-Worte. Ich versuche krampfhaft das Wort „Indianer“ aus meinem Wortschatz zu streichen. Es fällt mir schwer! Immer wenn ich INDIANER sagen will, muss ich „In…teressant“ oder „In…ternational“ drauss machen. Nur damit diese Ureinwohner das Wort „Indianer“ aus meinem deutschen Kauderwelsch nicht rausfiltern. Das funktioniert erstaunlich gut. Ich beschliesse sie Indioten zu nennen. Allerdings finde ich das Wort zu rassistisch und wird dieser herzlichen Gattung Mensch nicht gerecht. Alle Indianer-Worte sind tatsächlich in Amazonien verpönt und werden aus dem Indianer-Bewusstsein verbannt. Und wer sie sagt wird aus dem Ort geschmissen und darf nie zurück kehren. Als hätte es diese Kultur niemals gegeben, schlimmer noch als wäre sie mit einem bösen Bann belegt. Beispiele für die Ächtung von Indianerwortbenutzern gibt es genug.
Es beginnt das, wovor mich Axel gewarnt hat. Wir brauchen Zeit. Viel Zeit. Wir sitzen da, reden, schweigen, reden. Ich höre zu, verstehe nichts, nur portugiesischen Singsang. Eine ganz normale Indianerprozedur. Da müssen wir durch. Die Leute hier haben hier Zeit. Ohne diese Freundschaftsanbahnung klappt nix. Drei Stunden vergehen ohne das wir einen Handschlag machen. Erst als wir Geschenke auspacken, dürfen wir drehen und essen. In einem offenen Holzverschlag spannen wir unsere Hängematten auf. Kleine Kinder kommen ab und zu vorbei und starren uns an. Gute Nacht Caqal.
Es ist die erste schlechte Nachricht. Axel Brümmer überbringt sie. Er hat monatelang recherchiert, verhandelt und beschwichtigt. Und jetzt das: „Thomas, der Stamm der Sataré Mawe will nicht mehr.“ Ich bin baff: „Wie er will nicht mehr? All deine ganze Vorarbeit ist umsonst?“ Axel: „Die Sataré Mawe lassen sich nicht mehr drehen. Vor einigen Tagen war das brasilianische Fernsehen da. Sie haben den Stamm verarscht und sie wie dumme kleine Indianer aussehen lassen.“ Der weitere Dialog wird aus Anständigkeit ausgeblendet, aus psychohygienischen Gründen verdrängt. Es sind diese Momente bei denen man ganz ruhig bleiben muss. Es gibt immer Auswege. Widmen wir uns lieber dem nächsten Akt im Drehbuch.
Es ist gerade fünf Uhr. Die Gockel im Örtchen Maués krächzen sich ihre Kehle aus dem Hals. Zwischen dem Morgennebel schiebt sich ein schmaler Sonnenbogen in den Horizont und daran vorbei wackelt dieses knallgelbe, auf den Kopf gestellte, Gummiboot. Axel und Peter tragen es durch die Innenstadt bis zur Anlegestelle. Nur wir betreten unseren Fernsehteam-Luxusliner: Ein rotes Schnellboot, 90 PS, Lenkrad, Sonnenschutz, vollbepackt mit Nahrung und Benzin. Vier Tage wollen wir damit über den Amazonas gleiten. Immer im Blick was Axel und Peter treiben. Hoffentlich reichen die Kameraakkus und Kassetten aus?
Unser Ziel liegt 200 Kilometer Flussaufwärts: Eberhard, ein alter deutscher Aussteiger lebt seit 30 Jahren mit seiner brasilianischen Frau weit ab von jeder Zivilisation. Er wohnt in der letzten Hütte an irgend einem unbekannten Seitenarm, eines Nebenflusses des Amazonas. 20 Jahre ist es her als Axel und Peter – Eberhard aufgespürten. Seit dem sind die drei Freunde. Der kauzige Eberhard besitzt Guarana-Plantagen. Das passt zu unserer Geschichte. Mit Guarana verdient er seinen Lebensunterhalt. Er weiß nicht das wir kommen. Es gibt kein Strom, kein Telefon, nur Eberhard und die Natur. Ach ja und die Buschtrommel – die funktioniert sagt Axel. Eberhard wird erfahren, dass wir auf dem Weg sind.
Wieso sind wir eigentlich hier? Wir fliegen ja nicht einfach drauf los, ins gefährliche Südamerika, sitzen 26 Stunden im eiskalten Flieger, mit einer riesigen HD-Kamera im Gepäck, gucken was im Amazonas für Nettigkeiten passieren, welche Anakonda den längsten Zahn hat, welcher einsame Indio noch unbefleckt durch den Urwald rennt oder lecken an bunten Fröschen um uns ins nächste Wahrnehmungs-Stadium zu katapultieren. Das alles mag es hier geben. Zumindest in unserer Klischeebehafteten Amazonas-Vorstellung. Nein, es ist ein höheres Ziel. Wir suchen den Stoff der Stoffe. Wir sind auf der Spur des Muntermachers der die Welt erobert hat. Ganz legal. Es ist ein aufputschender Kern, den schon vor tausend Jahren allwissende Indianer verehrten. Sein Saft birgt Kraft und Konzentration. Er ist sieben mal stärker als der bitterste und schwärzeste Kaffee. Dabei ist er gesund und bekömmlich. Seit 25 Jahren ist er auch der Verkaufsschlager in unseren Breitengraden. Er steckt in Modegetränken wie Red-Bull, Bibop und anderen Säften mit ähnlich süß schmeckenden Namen. Wir sind auf der Spur des GUARANA. Wo kommt Guarana her? Wieso kann man Guarana nur im Amazonas anpflanzen und was steckt hinter dem Mythos, ist Guarana wirklich so aufputschend wie wir glauben? Da ergeben sich einige Fragen. Ganz nebenbei begleiten wir Axel Brümmer und Peter Glöckner. Seit sieben Jahren paddeln die beiden berühmten Weltenbummler über den Amazonas. Sie lieben den wohl schwülsten Ort der Welt. Wir lernen den Amazonas kennen, erfahren mehr über Guarana-Traditionen und über zwei absolute Amazonas-Fanatiker. Das ist zumindest unser Plan.
Um fünf beginnt das Leben im Amazonas und auch auf unserem Hängemattenschiff. Frauen kämmen ihre Haare, Babies nuckeln genüsslich an der Milchzapfstelle und die alten Männer hängen immer noch breitbeinig in ihrer Matte. Nur grunzen sie nicht mehr ihr Schlaflied. Über Nacht bin ich einen Zentimeter gewachsen: Fünf Beulen formen kleine Huckeln ganz oben auf meinem zarten Kopfende. Nur mit dem Finger tastbar aber autsch. Für Mitteleuropäer ist dieses Hängemattendeck ungeeignet. Es ist fünf Zentimeter zu niedrig – zumindest für mich. Immer wenn man gerade nach unten zu irgend einer interessanten, fremdartigen Mattenszene schaut, knallt oben ein Querbalken gegen den Schädel. Nachdem das
zum fünften Mal passiert ist, versuche ich unnütze Spaziergänge an Deck zu vermieden. Eine sechste Beule und ich falle ins Koma. Während dieser neue Tag so unglaublich schlagkräftig beginnt, versucht Kameramann Andreas unsere erste Kassette voll zu drehen. Interview mit dem Kaptain und mit den Hängemattern. Bilder vom Anlegen, vom einpacken – mit meiner sechsten Beule.
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Axel Brümmer und Peter Glöckner sind welterfahrene Hängenmattenbenutzer. Sie spannen ihre großen Stoffbetten über wilden Füßen auf, pennen in Schweineställen über quiekenden Säuen oder mitten im Urwald zwischen Termitenhügeln.
Ohne genaue Einweisung und ohne Hängemattengeschichten schafft es niemand in eine ihrer Schlafstätten aus Stoff. Auch ich nicht. Ich höre gebannt zu.
Vor 20 Jahren radelten Axel und Peter in den Iguazu Nationalpark mit seinen gigantischen Wasserfällen. Ennorme Wassermengen schießen tiefe Schluchten herab. Ein unglaubliches Naturschauspiel. Normalerweise tummeln sich hier tausende Touris. Diesmal waren Axel und Peter die einzigen Iguazu-Besucher. Es regnete in strömen. Nirgends fanden sie ein ruhiges, trockenes Plätzchen. Axel entscheidet in letzter Not: „Wir schlafen auf dem Touri-Klo“. Selbst das Klo stand 20 Zentimeter unter Wasser. Die Hängematte jedenfalls hing weit drüber. Die Geschichte endete mit einem lauten Knall und Axel patschte ins Klowasser.
Heute findet er das nicht mehr schlimm. Schließlich kamen die Wassermengen von außen und nicht aus den Rohren. Ob er auf dem Männer- oder Frauenklo feucht geworden ist, weiß er nicht mehr.
Gut, dass ich gerade auf einem professionellen Hängemattendampfer bin und nur noch eins im Sinn habe: Schlafen. Peters letzter Tip: Hängeposition. „Entgegen landläufiger Meinung auf keinen Fall gerade sondern diagonal liegen. Dann hängst Du nicht durch sondern bequem im Stoff“. Ich probiere es aus. Tatsächlich. Es knackt im Rücken. Die vorletzte Wirbelblockade springt raus und hinterlässt wohltuendes Kribbeln. Das Boot tuckert vor sich hin. Leichter Fahrwind macht das tropische Klima angenehm. Rundherum schlafen längst Mütter mit ihren Kindern, Omas mit der Hand im Nacken, und Männer mit breit aufgeschlagenen Beinen. Aus der einen oder anderen Ecke vernehme ich tiefes, zufriedenes Grunzen. Hängemattendampferschlaffahren ist schön. Meine Augen klappen zu, meine Gedanken werden zu Brei und drehen sich…Das alles müssen wir morgen unbedingt im schönen Sonnaufgangslicht nochmal dokumentieren…

Ob ich die erste Nacht auf dem Amazonas überlebe? Es soll ja wimmeln vor Piranhas, vor giftigen, bösen Seeschlangen oder kleinen, heimtückischen Spinnen.
Ich bin angekommen und stehe hilflos vor diesem Drei-Etagen-Holzkutter. Um mich herum tragen zierliche Männer massenweise Eierstiegen ins Schiff. Zwischen den Eiern rufe ich laut: „Axel!“ Gemeint ist Axel Brümmer – und nach unserem Kameramann „Andreas!“ Irgendetwas bewegt sich auf dem Schlafdeck. Vier müde Augen schauen nach unten, ganz perplex. „Keine Freude? Hallo Junx! Ich bins! Ich habs geschafft!“ Peter Glöckner wuchtet mein Gepäck nach oben. Ich wuchte mich aufs Zwischendeck. Zum ersten Mal sehe ich wo ich diese Nacht verbringen werde. Eingepfercht zwischen 80 fremden Amazonen und 50 Indianermännern. „Hier die Blau-Gelbe Hängematte ist deine“, sagt Axel. „Ups“ und „Aha“ sage ich. Über Blau-Gelb hängt Grün. Eine Indianerin grinst mich fröhlich aus ihrer horizontalen Lage an. In der Nacht werden genau neben ihrem Gesicht meine Füße liegen. Okay andersrum wäre es schlimmer. Aber wer und was liegt neben meinem Gesicht? Noch ist meine Nachbarhänge frei. Neben Grün gibt es noch viele andere, unzählige Hängemattenfarben auf-, unter- und über denen hängen wieder bunte Matten. Das ist also der berühmte Hängemattendampfer. Mit dem fahren wir von der Millionenmetropole Manaus Richtung Abenteuer: Nach Mauès. Von da aus werden Axel und Peter ihre Amazonas-Tour mit dem Paddelboot fortsetzen.
Es ist bitter kalt. Ich zittere. Die Menschen um mich herum ziehen sich warme Mäntel drüber. Sofern sie welche dabei haben. Ich nehme meine FAZ vom Sonntag, verzichte aufs lesen und wickle dicke Zeitungsblätter um meine Oberschenkel. Hätte ich auf dem Kontinentalflug nur diese Decke geklaut! Keinesfalls will ich extrem unterkühlt in Manaus, mitten im Amazonas ankommen. Aber gut. In den nächsten 14 Tagen fallen die Temperaturen kaum unter 40 Grad, die Sonne wird stechen, die Mücken wohl auch und mein Gesicht wird aufquellen von der Tropenschwüle. Ich sollte wohl diesen Kühlschrank, in dem ich gerade sitze, lieber genießen. Die Flugbegleiter reagieren auf meine Bitte die Heizung im Airbus doch ein wenig höher zu drehen mit einem netten aber müden lächeln. Es ist ein Airbus, Leute, und kein Eisbus! Gleich schneit es und die Stewards holen ihre Schlitten aus dem Gepäckfach. Bing bong. Flugdurchsage. Endlich. Wir landen in wenigen Minuten. Noch nie hab ich mich so auf Dreharbeiten in heißer, schwuler Tropenluft gefreut.
Früher, zu Schulzeiten, war Impfen Pflicht. Ich erinnere mich genau an diese Impftage. Entweder es gab süße Medizin oder einen Piecks in den Oberarm. Das ist lange her und gehört längst nicht mehr zum Gesundheitsprogramm. Panasonic und der MDR führen die Impfpflicht wieder ein. Sie nennt sich P2-Kamera-Impfen. Disponenten, Redakteure, Kameramänner und Assistenten müssen wissen wie das geht. Speziell vorgeschriebene Clip-Namen sollen in die Kamera transferiert werden – nicht mit der Spritze sondern per SD Karte, digital. Das klingt einfach, birgt aber einige Tücken. Wenn da irgendwas schief läuft, gibt es Probleme. Filmclips auf den MDR Servern werden nicht richtig zugeordnet, gehen verloren oder werden abgelehnt. Das will niemand! Seit heute wissen unsere freien und festen Mitarbeiter wie richtig geimpft wird. Nämlich schmerzfrei mit vielen Klicks und Tricks im HPX2100 Thumbnail-Menü.

Workshop P2 Impfen und Proxy-Daten bei Centauri.
Egal wie sehr man sich bemüht leise zu laufen, es knallt, hallt und knackt metallisch bei jedem Schritt. Jemand drückt einen Schalter. Gelbes Neonröhrenlicht durchzuckt den Raum. Es dauert eine Weile bis es hell ist und sich unsere Augen an dieses flimmernde, warme Licht gewöhnen.
Grau gestrichene Wände, eingezogene Stahlträger, löchrige Spanplatten. Mehr nehmen wir im ersten Moment nicht wahr. Es sieht aus wie in einem alten russischen Lagerraum.
Vor 45 Jahren soll das noch die Kapelle des Stadtschlosses Weimar gewesen sein. Kaum vorstellbar als wir vor einigen Monaten mit unseren Dreharbeiten beginnen. Doch was jetzt zum Vorschein gekommen ist, versetzt uns und die Restauratoren ins Staunen.
1963 beginnt der Umbau. In dem Kirchenschiff ist schließlich Platz für vier niedrige Lager-Etagen. Die sozialistischen Bauherren nageln den Marmorstuck, etliche goldene Engelsmalereien und den herrlichen Kalksteinfußboden einfach zu. In den halbrunden Altar wird eine Stahl-Wendeltreppe gepresst. Die reich verzierte Holzdecke verschwindet unter Sperrholzplatten. Der Fünf-Jahres-Plan geht auf. 1968 ist die hübsche Schloßkapelle zu einem Kunst-Käfig mutiert. Aus der niedlichen Kirche wurde ein DDR-Nutzbau. In den 60ern und 70ern war es das Büchermagazin für die Weimaer Zentralbibliothek und bis vor einem Jahr noch ein schlichtes Möbeldepot.
Den Schlossherren war lange bewusst welche Schätze sich hinter all den Stahlträgern und Spanplatten verbergen. 2010 beginnen die Restaurationsarbeiten der Klassik Stiftung Weimar. In akribischer Arbeit wird Stück für Stück, mikro-meterweise, alte Lackfarbe abgetragen. Die Aura der Schlosskapelle kehrt allmählich zurück.

Kurzinfos:
Drehende etwa 2015. Zwischendurch berichten wir immer wieder über den aktuellen Stand für das MDR Fernsehen. Im Stadtschloss installieren wir eine Zeitrafferkamera. Produktion in HD1080i.

NGN Zentrale von Media Broadcast. Quelle: http://www.media-broadcast.com/satellit-netze/broadcast-ngn.html
Es geht um die Zukunft der Übertragungstechnologie. Im November wird in ganz Deutschland das sogenannte ATM-Netz abgeschaltet. Was tun? Nur noch Filetransfer? Wie übertragen wir unsere fertigen Filme und Beiträge ab Herbst zu den Sendern? Diese Fragen rumoren schon lange in mir. Es geht schließlich um die Zukunft der Firma. Schnell wird mir eins klar: Es gibt keine Alternative zu Überspielen in Live-Geschwindigkeit.
Ich höre den Dozenten von Media-Broadcast zu. Sie stellen ihr neues Netz vor. NGN wird es heißen. Next Generation Networt. Es ist fast wie im Raumschiff Enterprise. Nur, dass mein Raumschiff Centauri heißt. Mein Magen knurrt. Es ist viel zu früh. Das Licht ist flau. Die Vorträge sind antiquiert. Es nützt nichts. Ich bin jetzt hier und muss mich entscheiden. Meine Augenlieder werden schwer.
„Filetransfer klappt doch gut wenn man genügend Zeit hat“, schießt es durch meinen Kopf. „Auf dem Weg zum Sender muss der Beitrag viele Hürden passieren: kodieren, hochladen, Firewall, Virencheck, encodieren, einspielen. Eine halbe Stunde ist für einen 1:30er Beitrag schnell vergeigelt. Wir wissen wie wertvoll Zeit in unserem Geschäft ist. Wehe irgendwas geht beim Filetransfer schief! Was wenn aus Zeitgründen mal Live eingespielt werden muss?
Ich schrecke hoch. Ein Buchstabe und eine Zahl fliegen durch den Raum: H.264. NGN überträgt mit diesem neuen Standard. Wow. Noch mehr Zahlen. Die Minutenpreise werden günstiger, die Grundmiete soll es auch sein. (Ein wenig.) Es reichen sechs Mbit für SD-Studio Qualität. Und: NGN wird HDTV-Fähig sein.
Meine Entscheidung ist klar. Heute habe ich den Vertrag unterzeichnet. Das Raumschiff Centauri steuert mit Warpgeschwindigkeit Richtung Übertragungszukunft.

MDR Zentrale in Leipzig.
Es gibt einen alten, weissen Fernsehspruch: Früher wollten die Menschen in den Himmel, heute wollen sie ins Fernsehen. Und mir gelingt beides: Heute war ich im Himmel bei den Fernsehgöttern. Zumindest hab ich mich so gefühlt. Normalerweise werde ich selten nervös. Ich muss zugeben, heute um 13:45 Uhr hab ich innerlich geschwitzt. Äußerlich hab ich mir das natürlich nicht anmerken lassen. Als Vorstandsmitglied des Mitteldeutschen Film- und Fernsehproduzentenverbands MFFV darf man nämlich durchs TV-Himmelstor schreiten. Es liegt fast über den Wolken: In der 12. Etage der MDR Zentrale in Leipzig. Dieser Stock nennt sich Betriebsdirektion. Hier sitzen sie: Die Fernsehgötter. Die wichtigsten Menschen des Mitteldeutschen Rundfunks – so fühlt man es zumindest wenn man sie nicht kennt. Dabei sind sie total nett, total normale „Götter“. Fernsehdirektor Wolfgang Vietze hat Witze gerissen aber uns auch nicht geschont. Betriebsdirektorin Gabriele Arlt hört sich Probleme konzentriert an und hat gleich Lösungen parat. Arte Beauftragte Ingrit Hofman ist wirklich eine nette, verständnisvolle Frau. Sie hat für frischen Kaffee gesorgt. Nur hat sich niemand getraut ihre Plätzchen auf zu essen. Spaß beiseite. Natürlich war unser Treffen nicht des guten Kaffees wegen oder um die Direktoren kennenzulernen. Produzenten haben immer Probleme. Und die werden zur Zeit nicht weniger. Die Ursachen sind in der ganzen Branche bekannt. Es scheint aber nichts unlösbar zu sein auf der Götteretage. Details gehören nicht in den Block. Die gibt’s später ab Mitte April in unserem Produzenten-Newsletter. Wer sich für unsere Gespräche und Ergebnisse interessiert, muss außerdem Mitglied beim Produzentenverband sein.
Quentinos linke Hand greift nach dem Rad und schwingt es nach vorn. In Windeseile wechselt er die Seite. Rechts. Links. Rechts. Links. Quentino (4) schwingt hin und her und lacht und kreischt und kichert. Er rast den Stationsgang entlang. Rechts. Links. Immer schneller. Krankenschwestern hüpfen zu Seite. Rollstuhl-Racing, das macht Spaß. Der kleine Stationsliebling mit den schwarzen Kulleraugen darf das heute. Es ist sein letzter Tag im Waldkrankenhaus Eisenberg.
Quentino leidet an einer heimtückischen Krankheit. Sein Bein ist krumm, seine Schenkelknochen wachsen nicht zusammen. Da wo er herkommt, hätte er nie die Chance ein normales Leben zu führen. In Angola wäre er für immer ein Außenseiter im Rollstuhl.
Die Organisation „Internationales Friedensdorf“ hilft Kindern in der ganzen Welt. Ein Jahr bleibt er in Deutschland und wird im Eisenberger Waldklinikum kostenlos behandelt.
Quentino geht es schnell besser. Sein Bein wird versteift – dieses dicke unangenehme Ding am Fuß heißt Orthese. Und trotzdem rennt er mit anderen Kindern um die Wette. Ein kleiner verrückter in blauen Strumpfhosen.
Die deutsche Sprache beherrscht er nach wenigen Wochen. Quentino redet immer lauter und hält die ganze Station auf Trapp. Weihnachten feiert er bei seiner Lieblingspflegerin. Was für ein Leben im Krankenhaus – bei all den netten Ärzten und Schwestern. So könnte das lange weitergehen…
Es ist schon der dritte große Erdkrater in Thüringen. Nicht immer verschwinden gleich halbe Dorfstraßen im Erdreich – wie vor einigen Wochen in Schmalkalden. Diesmal fällt in Könitz plötzlich die Erde ab – am Rand einer alten Deponie. Das Loch ist neun Meter breit und neun Meter tief. Wo kommt es her? Ist es gefährlich? Ist Thüringen ein Erdfallgebiet? Wer übernimmt die Kosten? Und was kann man gegen Erdfälle tun? Fragen die nur ein Experte beantworten kann. Der Leiter des Bergamtes – live zugeschaltet aus unserem Studio ins MDR Fernsehen.

In unserem Regieraum werden Hintergrundbilder eingekeyt, das Rückbild aus Erfurt entgegengenommen, der Ton abgemischt und bei Bedarf Beiträge eingespielt.

Vorführung von LiVE U.

Techniker Hans Radschiner prüft jedes erdenkliche LiVE U-Detail.
Ein neues Gerät. Echtzeit Überspielungen in Broadcast-Qualität. Live-Schalten vom Riesenrad, aus einem fahrenden Auto oder aus einem Haifisch-Maul. Alles soll möglich sein mit dem kleinen Wundergerät. Es wird schon überall in der Welt eingesetzt: läuft u.a bei der BBC und vielen amerikanischen TV-Stationen. Ob die Technik auch für uns interessant ist? “Auf jeden Fall wird irgendwann der Tag kommen und ich hab drei kleine Antennen auf dem Schnittmobil-Dach.” meint Frank Kummer, Inhaber von der befreundeten Ü-Wagen Firma Stratos TV.

Freshtorge zwischen seinen Fans. Youtubestars. Sonntag 23:00 RTL. AZ-MEDIA TV.

Interview mit AZ-MEDIA Redakteur Matthias Weidner.
Nach Hamburg fahren – nur um jemanden von Youtube in echt zu erleben! Sagt mal geht’s noch? Genau das hab ich mir von Kollegen und Freunden immer wieder anhören müssen. Liebe Fernsehkollegen: Die Tage unserer heilen TV-Produktionswelt sind gezählt. Zumindest wenn ihr das erlebt hättet, was ich gesehen habe.
Hunderte Jungs und Mädchen stehen brav im Regen. Sind klatsch nass. Manche murmeln irgendwas von Palamazi und Sandra Gagga. Noch eine Stunde bis ihr Idol kommt. Freshtorge. Zuhause dreht er kleine Clips. Er braucht keine Fernsehkamera, keine Manager, kein Studio und keine Witzeschreiber. Er braucht nur sich selbst. Freshtorge erinnert ein wenig an Otto. Was der wohl gemacht hätte wenn es damals schon Handykameras und Youtube gegeben hätte? FreshOttilli natürlich!
Die Tür zur kleinen Hamburger Bar Cube geht auf. Die Massen passen kaum in den Raum. Gedrängel. Gejohle. Fangesang. Sie beten ihn herbei. Und dann kommt er. Läuft durch die Massen. Cool. Witzig. Locker. Als wäre er Hape Kerkeling oder Brad Pitt – nur etwas bodenständiger. Freshtorge ist quasi ein selbstgemachter Star – ein Youtubesternchen. Sein Papa hat Autogramme dabei, seine Mutter schießt Fotos – zum Andenken.
Werde ich gerade Augenzeuge von den ersten Sterbezuckungen unserer konservativen Fernsehwelt? Wer mehr wissen will: Sonntag 23:00 Uhr auf RTL. Produziert von meinen Freunden von AZ-Media TV.

Hans Radschiner und Andreas Hüttig bei der Programmierung.

Unsere Techniker diskutieren: Welcher Sendeweg ist der Richtige?
Unser 20 Jahre altes, analoges Mischpult im Schaltraum hat ausgedient: Ein- und Ausgänge reichen nicht mehr aus. Ich sage nur: Pseudo-Stereo – Schluss damit! Es wird Zeit für richtiges Stereo!!! Außerdem kratzen ein paar Kanäle und sind überempfindlich. Technik-Meister Hans: “Lieber Chef, ein Digitalpult muss her!” Na endlich. Auf diesen Satz hab ich schon lange gewartet. Bis dahin ist alles einfach: Informieren. Bestellen. Bezahlen. Toll sieht das Neue ja aus. Möglichkeiten bietet es immens viele. Perfekt! – wenn man vorher einen mehrwöchigen Lehrgang zur Bedienung des Geräts belegt hat. Digital ist eben nicht nur TOLL. Digital ist KOMPLEX. Es dauert Stunden bis wir alle Soundwege programmiert haben. Regler fahren automatisch in Position, Kompressoren erkennen per Knopfdruck unsere Sprecher. Wir haben das Gerät geknackt. Man lernt eben nie aus. Hauptsache niemand verstellt jetzt unsere Programmierung.
Wahlen habe ich schon als Kind gehasst. Jeder kennt dieses Gefühl aus dem Sportunterricht. Wenn Mannschaften gewählt werden und man irgendwie Angst hat als Letzter übrig zu bleiben. Dabei war ich immer vorn dran im Sportunterricht. Soweit zu meinem Ego.
Heute hatte ich seit langem mal wieder dieses Gefühl auf der Bank in der Sporthalle zu sitzen. Nur, dass es diesmal um etwas Ernstes ging. Die Wahl in den Vorstand des Mitteldeutschen Film- und Fernsehproduzentenverbandes MFFV. Ich soll meinen Vorgänger Torsten Archut von Savidas ablösen.
Nicht, dass ich nicht schon genug zu tun hätte. Nicht, dass ich gern in Kremien sitze. Nicht, dass ich gern stundenlang diskutiere. NEIN! Es muss getan werden. Der MFFV hat hehre Ziele. Wir suchen Gespräche mit Fernsehdirektoren, mit Chefredakteuren, wollen die Zusammenarbeit mit den Funkhäusern intensivieren und wir kümmern uns u.a. um Nachwuchsförderung. Nur gemeinsam sind wir stark. Wir vertreten die Interessen mitteldeutscher Fernsehschaffender. Was wir aushandeln, kann zum Vorteil aller Kollegen sein. Diese Arbeit ist für mich absolut neu. Aber ich bin nicht allein. Es sind scharfsinnige, erfahrene Leute im Vorstand. Im Hintergrund große mitteldeutsche Filmproduktionsfirmen.
„Kommen wir zur Wahl des Thüringer Vorstands. Thomas Niemann. Ich bitte ums Handzeichen. Eins, zwei, drei….dreizehn Arme. Einstimmig gewählt. Gegenstimmen? Keine. Enthaltungen? Keine.“
Im Sportunterricht war die Wahl in die richtige Mannschaft irgendwie aufregender.

MDR Workshop: Bandloser Workflow.

MDR Chefkameramann Ulrich Kirsten (verantwortlich für elektronische Berichterstattung) erklärt neue Video-Transfermethoden.
Im Fernsehgeschäft erlebt man viele, ich meine wirklich viele Revolutionen.
Die erste große Revolution war die Erfindung der magnetischen Aufzeichnung.
Danach gab es viele Evolutionsschritte. Aus dicken langen Bändern wurden immer kleinere Kassetten. Digitale Systeme lösten analoge ab. PAL ist out, jetzt kommt HDTV! Das waren alles nur Pillepallerevolutionen!
Die Neueste krämpelt unsere gewohnten Produktionsprozesse um. Sie heißt: Bandloser Workflow. Es wird keine Kassetten mehr geben, keine Bandmaschinen, keine Tape-Berge auf Schreibtischen, keinen Bandsaltat, keinen Kopftrommelverschleiß. Klingt eigentlich toll.
Chip, Datentransfer, Proxy, WebFTP, P2mat … Die Zukunft erstickt irgendwann im Datenwust denke ich und schieße Fotos mit meinem bandlosen Telefon im 13. Stock der MDR Zentrale. Hier sitzen bestimmt über 300 Fernsehproduzenten. Sie lauschen gespannt den revolutionären Vorgängen. >>Ich bin bei einer Revolution dabei<< blitzt es durch meine Synapsen. >>Synapsen?! Gedankenblitze! Nervenleitungen. Auch nur Datentransfers.<< Und ich denke: >>wenn hier jetzt was passiert dann hat Mitteldeutschland keinen einzigen Fernsehproduzenten mehr.<< Diese Gedankendaten schiebe ich schnell aus meinem Kopf. Vorn am Rednerpult geht es um Codecs und um bandlose Ziele. Um Übertragungsverfahren, Firewalls und Sonderfälle… Ich sehe Fragezeichen in den Blicken meiner Kollegen und bin mir sicher: nicht jeder versteht hier alles.
Das bandlose Funkhaus. Durch tausende Kabel werden hier nur noch Datenpackete flutschen – mit Bildern, Tönen, Geschichten. Es ist eine Revolution. Nur hoffentlich nicht die Revolution der Technik über den Menschen, der kalten Daten über herzelnde Geschichten, der schnellen Netze über tiefgründige Berichte.
Making of vom Musik-Clip “Tränen Lügen Nicht.” Sänger Gerrit Schulze mit seiner Band bei uns im Studio.

Axel Brümmer mit seiner brasilianischen Ehefrau.
Früh, viel zu früh – um 6:30 Uhr brummt mein Handy. Es ist zum Glück nur eine SMS. Wach bin ich trotzdem. Das Display blendet: „Hab heute 12-14 Uhr Zeit in Gera vorbei zu sehen! Du Auch? Ali.“ Jetzt kann ich nicht mehr schlafen. Wunderbar! >>Ich hab keine Zeit! Verdammt! Mein Schreibtisch ist voller Papierkram, ich muss einen Partyfilm schneiden, „Dix“ vorbereiten und sicher klingelt das Telefon den ganzen Tag.<< Sowas denkt man wenn man sich im Bett hin und her wälzt. Egal. Es kommt Besuch aus Südamerika! Axel Brümmer. Der bekannte Weltenbummler und Abenteurer. Da schläft man gerne – nicht aus! Wenn Axel kommt, hat er sicher wieder viele, viele Film-Ideen. Welche Vorahnung! Er erzählt wie er im April mit Kindern nach Bolivien fährt. Zum Weltsichten- Kinderhilfsprojekt. Wie Ärzte aus Saalfeld kostenlos in Bolivien Kinder operieren und und und… so sprudeln alle Geschichten aus ihm heraus. Sein heißestes Projekt plant er in Brasilien. Zusammen mit Peter Glöckner sucht er nach der Geschichte des Guarana. Dem Aufputschmittel aus den tiefen des südamerikanischen Urwalds. Es steckt hier in vielen Partygetränken und soll hellwach machen. Im Amazonas kennt er Indianer die ihm ein spezielles Guarana-Getränk brauen wollen….Mehr verrate ich jetzt lieber nicht. Nur soviel: wir sind dabei und drehen. Das wird ne tolle Story. Sogar superscharf in HD.
Wir verschieben alle geplanten Drehs. Unsere Produktionen kommen durcheinander. Hochwasseralarm in Ostthüringen, Süd-Sachsen-Anhalt und Westsachsen. Wir sind überall unterwegs, drehen, suchen Geschichten und überspielen aktuelle Bilder an alle Sender. Kameramann Andreas ist sogar mit einer Unterwasserkamera unterwegs. Künstler drehen eben immer mit einem etwas anderem Blick.
Direkt vor unserer Haustür verschärft sich die Situation. Erste Autos bleiben im Wasser stecken, Gärten sind überflutet, Keller laufen voll. Die Weiße Elster sieht recht bedrohlich aus. Centauri liegt auch fast am Flussufer. Wenn das Wasser noch einen Meter steigt, wird es auch in unserem Archiv feucht. Wir beobachten die Lage.
Alle Bilder und Geschichten heute im Fernsehen. Wir rotieren für das Thüringen Journal, mdr aktuell, Hier ab Vier, Dabei ab Zwei, Sachsen-Anhalt heute und vielleicht schaffen wir es mit ein oder zwei Bildern auch in ARD Nachrichtensendungen.

Centauri-Techniker Hans Radschiner kontrolliert den Hintergrund-Key.

Achim Schröter kurz vor dem Gespräch. Noch entspannt.
Tauwetter. Schneeschmelze. Eben war es noch glatt auf den Straßen und jetzt nerven riesige Schlaglochkrater. Für die Kommunen ein kaum noch finanzierbares Problem. Die Löcher werden meist schnell und provisorisch geflickt. Thüringer Bürgermeister fordern Hilfen vom Freistaat. Doch unser Verkehrsministerium fühlt sich nicht verantwortlich für Stadt-Straßen. Ein heißes Thema. Jenas Oberbürgermeister Albrecht Schröter ist bei uns im Studio und erklärt live im mdr Fernsehen wie die aktuelle Situation ist.
In ganz Mitteldeutschland sind unsere TV-Kollegen unterwegs um noch das letzte Tröpfchen Hochwasser zu finden. Hochwasser bringt dem Fernsehbusiness Hochkonjunktur. Leider nicht in Ostthüringen. Hier ist es verdammt ruhig. Ja die Weiße Elster ist angeschwollen! Ja das Tierheim wurde vorsorglich evakuiert! Aber dramatisch ist es… hier ist jetzt das Wort glücklicherweise angebracht…bei uns nicht. Gut für die Menschen.
Und dann passiert es: ein Hang rutscht ab. Auf der Bundestraße B2 Richtung Leipzig liegt ein riesiger Erdhaufen. Eine Woche werden die Aufräumarbeiten dauern erzählt uns der Baggerfahrer. Und die Gefahr an dieser Stelle scheint nicht gebannt. Immer wieder könnten bei diesen Wassermengen Erdhügel abrutschen. Centauri bleibt auf alle Fälle an dem Thema dran. Mehr dazu im mdr Thüringen Journal und bei mdr aktuell.
Jetzt ist sie vorüber die erste Arbeitswoche im neuen Jahr. Zeit für ein Resümee. Eigentlich sind wir es alle gewöhnt den Januar ganz ruhig und gelassen anzufangen. Die Januare und Februare ähneln sich nämlich Jahr für Jahr. Sie bestechen durch Langeweile im aktuellen Geschäft. Meistens liegt ja auch nicht so viel Schnee auf den Straßen. Doch diese erste Woche ist etwas anders als es die erste Woche 2010, 2009, 2008… Zum Glück! Denn der Januar ist in unserem Geschäft bekannt als der Monat der Existenzängste.
Dieses Jahr beginnt aufregender. Wir drehen jeden Tag für den mdr. Liefern aktuelle Berichte an das Thüringen Journal.
Red Bull und Servus TV brauchen schnell viele neue Versionen vom Film „Spuren ins Nichts – Der Dirigent Carlos Kleiber.“ Schließlich ist unsere Doku sogar bei den Emmy-Awards gelaufen. Und Servus TV plant noch weitere weltweite Projekte mit ihrem Erfolgsprodukt.
Ein erster Image-Film ist in Arbeit und noch eine große Image-Film Anfrage kommt rein.
Nebenbei schlittern Autos von den Straßen, die ganze Welt ruft nach Bildmaterial. Die Fernsehagentur TNN überspielt fleißig über unsere TV-Leitungen.
Ab uns zu bekommen wir Besuch von fremden Leuten. Sie entdecken das „Abriss“-Plakat vor unserer Tür und kaufen ihren Erinnerungsfilm über die drei Schornsteine von Gera. Also wer noch keine DVD hat – ein Besuch bei uns lohnt sich.
Die erste Arbeitswoche war also alles andere als ruhig. Sie ist so schnell vorbei wie Weihnachten, der Jahreswechsel und der Nikolaus auch schon längst Geschichte sind. Also dann auf ein erfolgreiches Jahr 2011. Ehe wir es merken kommt schon wieder das Jahr 2012. Hoffentlich ohne Weltuntergang.







